Bischofstochter
Sie sagten, ich sei ins Licht hineingeboren worden.
Geformt durch Prophezeiungen.
Aufgewachsen mit der Schrift, gekleidet in Schweigen,
gelehrt, dass Heiligkeit eine Frau ist, die niemals hungert.
Doch niemand warnte mich davor, wie es sich anfühlt,
mit Absicht berührt zu werden.
Angesehen zu werden, als wäre ich nicht nur ein Körper,
sondern ein Ort.
Ein Ort, an dem er anbeten wollte.
Er kam in der Nacht.
Nicht laut
nur ein Klopfen an meiner Seele, das ich nicht mehr überhören konnte.
Seine Stimme war nicht tief,
aber sie hatte Gewicht.
Wie Donner, gehüllt in Seide.
Seine Hände fragten nicht.
Sie entdeckten.
Als wäre ich uralt
und er der erste Mann, der mutig genug war, mich richtig zu lesen.
Er küsste mich langsam.
Als wüsste er bereits um das Ende,
doch wollte den Anfang auskosten.
Und als seine Lippen die meinen berührten,
schmeckten sie nicht nach Sünde.
Sie schmeckten nach Erlaubnis.
„Ich sollte das nicht wollen“, flüsterte ich.
Doch meine Schenkel antworteten zuerst.
Und als er schließlich in mich glitt
kein Schmerz,
keine Scham,
nur Hitze,
und ein Keuchen, das ich nicht als mein eigenes erkannte
da begriff ich.
Sie haben gelogen.
Sie sagten, ich würde Reue empfinden.
Sie sagten, ich wäre danach zerstört.
Doch in diesem Moment,
seinen Atem in meinem Nacken verwoben,
während mein Körper um ihn herum erblühte
fühlte ich mich nicht zerstört.
Ich fühlte mich echt.
Ich fühlte mich gefunden.
„Bitte hör nicht auf“, sagte ich.
Denn er bewegte sich wie ein Gebet.
Als wüsste er, wo der Schmerz am tiefsten saß.
Und als ich auf die Knie sank,
den Mund offen,
das Herz offen
war es nicht schmutzig.
Es war Hingabe.
Die Nacht beobachtete uns.
Sie urteilte nicht.
Sie hielt nur unsere Schatten fest umschlungen.
Sie nennen mich immer noch die Tochter des Bischofs.
Aber sie wissen nicht, wer ich jetzt bin.
Nicht zerstört.
Nicht beschämt.
Nur... neu geschrieben.